Schwarze Vögel über Weimar

Zu Pet Halmens Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte". Goethetheater Bad Lauchstädt, Sommer 2006

Bad Lauchstädt. Der Vorhang geht auf, und wir sind wieder in Weimar. Vorne rechts Carl August hoch zu Roß, der Himmel schwarz von unheilkünden­den Vögeln, im Hintergrund die Anna-Amalia-Bibliothek. Der Dachstuhl steht in hellen Flammen. Drei Folianten un­ter dem Arm, flüchtet Tami­no aus dem brennenden Ge­bäude.

Die Idee, den verbrannten bzw. heilen Rokokosaal der Weimarer Bibliothek zur Ku­lisse der gesamten Oper zu machen, begründet in Pet Halmens Lauchstädter Insze­nierung von Mozarts "Zau­berflöte" eine schwarz-weiß-Symbolik, der im Verlauf der Handlung konsequent sämtli­che Figuren unterworfen wer­den. Vor den rauchschwarzen leeren Regalen des ausge­brannten Saales entsteigt die Königin der Nacht einem Sarkophag. Schwarz, nicht nachtblau ist sie gekleidet, und nur im Unterkleid korre­spondiert weißer Satin ihrem bleichen Gesicht. Weiß über schwarz ist denn auch Pami­na und schwarz, nicht braun die Sklaven, die Monostatos zur Seite stehen. So fängt Pa­pageno denn auch - gegen Schikaneders Libretto - sei­ner Herrin "schwarze" Vögel. Apropos Papageno: Wo der Glanz des Helden bröckelt, muß die Buffofigur, um noch komisch zu sein, gänzlich zur Witzfigur entstellt werden. Papageno ist - weiß und schwarz - ein Pinguin, was Halden die Gelegenheit zu weiteren Sinnfälligkeiten in den sexuellen Anspielungen gibt: Tamino trifft den "Vo­gelfänger", wie er - "und alle Mädchen wären mein" - ei­nen Fisch nach dem anderen aus einem Eisloch zieht. Wie passend: Hatten wir doch ge­rade die drei Damen hinter uns gebracht, die als Polites­sen auf dem Platz der Demo­kratie erscheinen und sich un­vermittelt zu notdürftig in Grellrot gekleideten Animier­mädchen mausern.

Eisloch statt Palmenwald: Kalt ist es bei den Göttern. Auch die Priester leben im ewigen Weiß, im Weiß ihrer Roben vor der Kulisse eines strahlenden, reich mit Goe­the-Bänden bestückten Bi­bliotheksraumes. Dieses Weiß steht nicht mehr für Reinheit, sondern für die intellektuelle Kälte in Sara­stros Menschenführung. Mangelt es doch nicht an inszeniertem Räuspern der Priester anlässlich der hehren Selbstdarstellungen des auf Goethe zurechtgemachten Oberpriesters, die allerdings auch durch die Handlung selbst schon konterkariert werden. Halmen will das Publikums noch deutlicher auf Distanz bringen.

Dabei hätten die Solisten und die Musiker des Opernhauses Halle eine einnehmendere Inszenierung verdient. In der knochentrockenen Akustik des ohne Orchestergraben gebauten historischen Theaters beeindruckten die Instrumentalisten unter der Leitung von Klaus Weise mit höchster Klarheit. Intonatorisch lupenrien auch die drei Damen und die drei Knaben des Stadtsingechores Halle, die in - natürlich schwarzen - Pierrotkostümen den nahenden Tag verkünden; eine atemberaubende Pamina (Evgenia Grekova), deren lyrischer Sopran samtweich von dunkler Tiefe in strahlende Höhen steigt; ein glockenheller Koloratursopran von Anja Maria Kaftan und ein hinreißend sächselnder Gerd Vogel als Papageno.

Man ist das Prinzip "Augen schließen - Musik genießen" ja schon gewöhnt, obschon man sich einen Theaterbesuch wohl immer noch anders wünschen mag. Doch bei Halmen hilft nicht einmal das: Wenn ein vertölpelter Priester lautstark in den Schlusschor stolpert, ist auch geschloss'nen Aug's die Schönheit nicht zu schauen. Es stimmt etwas nicht, wenn eine Inszenierung dieses Märchens das Publikum im zweiten Aufzug zum Blick auf die Uhr zwingt. Vor lauter Schwarz-Weiß-Malerei verliert Halmens Inszenierung jede Kontur. Zuviel der gewollten Irritationen: Warum etwa trifft Tamino im ersten Bild auf eine vermummte Schlägertruppe? Ein blindes Motiv und Zitat aus dem falschen Genre. Dies ist vielleicht der größte Vorwurf, den man Halmens Inszenierung machen muß: Beim Götzendienst am Goldenen Kalb eines vermeintlich engeren Realitätsbezuges verstrickt sie sich um so sicherer in der Selbstbezüglichkeit medialer Konstruktion.

Cornelie Becker-Lamers